Ballet de l'Opéra Grand Avignon, Stück für 14 Tänzerinnen und Tänzer
In Avignon wird, wie jeder weiß, "getanzt". Doch die Stadt, die Martin Harriague bei der Übernahme der Leitung des Balletts kennenlernte, beeindruckte ihn durch die majestätische Kraft ihres Erbes. Die Hommage an die Stadt, die ihn aufnimmt, ist eine Selbstverständlichkeit.
In den Gewölben der Kapelle des Papstpalastes, die so gestaltet sind, dass Gesänge und Seelen aufsteigen können, lädt Harriague uns zu einer intimen und poetischen zeitgenössischen Zeremonie ein, einer leuchtenden Opfergabe an die Geschichte dieses Heiligtums in Avignon. Das steinerne Schmuckkästchen, das Jahrhunderte voller Glanz, Tränen und Gebete in sich aufgenommen hat, wird zum Zufluchtsort einer immersiven Sinneserfahrung. Die Choreografie, mal luftig, mal quälend, versucht, die Seele des Ortes zu erwecken, der ungreifbaren Präsenz und der Flüchtigkeit des Wunders Gestalt zu verleihen.
Im Herzen dieser Kreation erstrahlt die Musik mit The Sacred Veil des amerikanischen Komponisten Eric Whitacre, das in Zusammenarbeit mit dem Dichter Charles Anthony "Tony" Silvestri geschrieben wurde. Dieses selten intensive Chorwerk in zwölf Sätzen erforscht die Liebe, den Verlust und das Fortbestehen der Verbindung über die Abwesenheit hinaus. Durch eine ziselierte Komposition für gemischten Chor, Cello und Klavier entfaltet Whitacre eine harmonische Sprache von großer Ausdruckskraft: hell und schwebend in den Liebesschwüren, dunkler und fragmentierter, wenn die Prüfung auftaucht. Der Chor der Opéra Grand Avignon unter der Leitung von Allan Woodbridge findet hier einen tiefen Boden der Verkörperung, wo das Fleisch der Stimmen sich mit dem der Körper verbindet. In der einzigartigen Resonanz der Kapelle antworten sich der Atem des Chors und die choreographische Geste und weben einen vibrierenden Dialog zwischen Spiritualität, Erinnerung und Präsenz.
Das Zusammentreffen von Ballett und Chor in diesem geschichtsträchtigen Raum offenbart das Wertvollste, was Avignon zu bieten hat: seine Fähigkeit, Erbe und Schöpfung, Stein und Fleisch, Stille und Inbrunst miteinander in Dialog zu bringen.
Ein zeitloser Moment zwischen Poesie, Emotion und Kontemplation.





